Gelenke und Freiheitsgrade
Ein Gelenk setzt an einer Stelle des Tragwerks eine Schnittgröße auf null und lässt dafür einen Sprung in der zugehörigen Verformungsgröße zu. In der direkten Steifigkeitsmethode wirft das eine Frage auf: Die Knoten haben je nur eine Verdrehung, aber an einem Momentengelenk verdrehen sich die angeschlossenen Stäbe unterschiedlich. Diese Seite zeigt, wie man Gelenke als Freigaben an Stabenden beschreibt, wie man sie durch statische Kondensation in die Elementmatrix einarbeitet und was das für die Freiheitsgrade bedeutet – mit einem vollständig durchgerechneten Gerberträger.
1. Drei Arten von Gelenken
Ein biegesteifer Anschluss überträgt alle drei Schnittgrößen , und , und die Verformungsgrößen , und laufen stetig durch. Ein Gelenk gibt genau eine dieser Bindungen frei. Die Schnittgröße ist dort null, und die zugehörige Verformungsgröße darf springen:
- Momentengelenk: ; die Biegelinie hat einen Knick, die Verdrehung springt um . Im Rechner als offener Ring gezeichnet. Das ist das Gelenk im üblichen Sinn, etwa beim Gerberträger, beim Dreigelenkrahmen oder in jedem Fachwerkknoten.
- Querkraftgelenk: ; die beiden Stabteile dürfen sich quer zur Achse gegeneinander verschieben, bleiben dabei aber parallel, die Querverschiebung springt um . Konstruktiv entspricht das einer Parallelführung. Im Rechner als zwei Striche längs der Stabachse gezeichnet.
- Normalkraftgelenk: ; die Stabteile dürfen sich in Längsrichtung gegeneinander verschieben, die Längsverschiebung springt um . Konstruktiv eine längsverschiebliche Hülse. Im Rechner als zwei Striche quer zur Stabachse gezeichnet.
Die Freigaben lassen sich kombinieren. Gibt ein Stabende und frei, überträgt es nur noch eine Längskraft; gibt ein Stab an beiden Enden frei, ist er ein Fachwerkstab, der ohne Last auf dem Stab nur Normalkraft trägt.
Jede Freigabe hebt eine Bindung auf und fügt die Bedingung „Schnittgröße gleich null“ hinzu. Der Grad der statischen Unbestimmtheit sinkt dadurch um eins, mit einer Ausnahme, die Abschnitt 2 erklärt. Wird er negativ, ist das Tragwerk verschieblich.
2. Freigaben gehören zu Stabenden
In der Steifigkeitsmethode hat jeder Knoten drei Freiheitsgrade , und , die sich alle biegesteif angeschlossenen Stäbe teilen (siehe Direkte Steifigkeitsmethode, Abschnitt 2). Ein Momentengelenk zwischen zwei Stäben bedeutet dagegen, dass sich ihre Enden am selben Punkt unterschiedlich verdrehen. Beides passt zusammen, wenn man die Freigabe nicht dem Knoten zuordnet, sondern einem Stabende:
- Ein biegesteif angeschlossenes Stabende hat die Verdrehung des Knotens.
- Ein Stabende mit Momentengelenk hat eine eigene Verdrehung, die nicht mit dem Knoten gekoppelt ist. Das Moment an diesem Stabende ist null.
Treffen an einem Gelenkknoten Stäbe zusammen, genügen deshalb Freigaben. Beim Gerberträger reicht ein Momentengelenk am Ende des einen Stabs; der andere bleibt biegesteif am Knoten, und die Knotenverdrehung ist seine Endverdrehung.
Gibt man alle Stabenden frei, hängt an der Knotenverdrehung keine Steifigkeit mehr: Der Knoten könnte sich beliebig drehen, ohne dass ein Stab etwas davon merkt. Am Ergebnis ändert das nichts, das Gleichungssystem wird dadurch aber singulär. So ist es in jedem Fachwerkknoten. Ein Einzelmoment als Last kann ein solcher Knoten nicht aufnehmen.
Dieselbe Überlegung gilt an Auflagern. Ein Momentengelenk am Stabende unmittelbar an einer Einspannung hebt deren Wirkung für diesen Stab auf; er ist dann nur noch gelenkig gelagert (siehe Auflagertypen, Abschnitt 3).
3. Zwei Wege in der Steifigkeitsmethode
Für die Rechnung gibt es zwei gleichwertige Möglichkeiten, die eigene Verdrehung eines Gelenkstabendes zu erfassen:
- Zusätzlicher Freiheitsgrad. Man legt an der Gelenkstelle zwei Knoten übereinander, koppelt ihre Verschiebungen und und lässt die Verdrehungen getrennt. Jedes Momentengelenk bringt dann eine Unbekannte mehr ins Gleichungssystem.
- Statische Kondensation. Man eliminiert den freigegebenen Freiheitsgrad schon in der Elementgleichung. Der Stab geht mit einer abgeänderten Steifigkeitsmatrix und einem abgeänderten Lastvektor in den Zusammenbau ein; die Zahl der globalen Unbekannten bleibt gleich. Die Verdrehung am Gelenkende wird nach dem Lösen aus der Elementgleichung zurückgerechnet.
Beide Wege liefern exakt dieselben Ergebnisse. Die Kondensation hat den Vorteil, dass sie für alle drei Gelenkarten gleich funktioniert und am Knoten nichts verändert. Der Rechner verwendet sie.
4. Statische Kondensation
Ausgangspunkt ist die Elementgleichung im lokalen System, . Man teilt die sechs Stabendgrößen in die freigegebenen () und die beibehaltenen () und ordnet die Gleichung danach:
Die Freigabe verlangt, dass die zugehörigen Stabendkräfte verschwinden, . Aus der zweiten Zeile folgen damit die freigegebenen Verschiebungsgrößen:
Eingesetzt in die erste Zeile bleibt
Man schreibt und wieder als -Matrix und Vektor mit sechs Einträgen, mit Nullen in den Zeilen und Spalten der Freigaben. Dann gehen sie genau wie eine gewöhnliche Elementmatrix durch Transformation und Zusammenbau. An der freigegebenen Stelle gibt der Stab keine Kraft an den Knoten ab, und die Knotenverschiebung wirkt nicht auf ihn zurück.
Der Lastvektor muss mitkondensiert werden. Nimmt man für einen Gelenkstab unter Gleichlast die Volleinspanngrößen des beidseitig eingespannten Stabs, fehlt die Umlagerung des Moments zum eingespannten Ende: Dort stünde statt .
5. Momentengelenk am Stabende
Der häufigste Fall ist ein Momentengelenk am Stabende . Freigegeben ist nur , also ist eine Zahl, und die Kondensation lässt sich von Hand ausführen. Zum Beispiel für den ersten Biegeeintrag:
Insgesamt:
Das ist die Steifigkeit des einseitig eingespannten, einseitig gelenkig gelagerten Stabs: statt für die Verdrehung des Stabanfangs, ohne Fortleitung zum Gelenkende. Der Längsanteil ist vom Gelenk nicht betroffen. Für eine Gleichlast über den ganzen Stab ergibt die Kondensation
also wieder die bekannten Tabellenwerte dieses Stabs: Einspannmoment , Auflagerkräfte und . Nach dem Lösen liefert die Rückrechnung die Verdrehung des Gelenkendes:
Der Knick im Gelenk ist der Unterschied zwischen und der Verdrehung des Knotens, an dem das Stabende hängt.
6. Unzulässige Kombinationen
Die Kondensation setzt voraus, dass invertierbar ist. Das ist genau dann nicht der Fall, wenn die Freigaben dem Stab eine Starrkörperbewegung erlauben, bei der an keinem der beibehaltenen Stabenden etwas geschieht:
- an beiden Enden: ist singulär. Der Stab könnte in Längsrichtung beliebig weit gleiten.
- an beiden Enden: ebenso, der Stab könnte sich quer zur Achse als Ganzes verschieben.
- an beiden Enden und zusätzlich : Der Stab könnte sich um das Ende drehen, an dem die Querkraft noch gehalten ist.
Solche Stäbe haben keine bestimmte Lage. Der Rechner prüft das vor der Rechnung und meldet den Stab mit den beteiligten Freigaben. Zulässig ist dagegen etwa und am selben Ende: Das Stabende überträgt dann nur noch die Längskraft.
7. Zahlenbeispiel: Gerberträger
System
Träger über m mit Festlager bei , Loslagern bei m und bei m und einem Momentengelenk bei m. Gleichlast kN/m nach unten über die ganze Länge, kNm². Drei Stäbe von links nach rechts: A–B ( m), B–G ( m) und G–C ( m). Das Gelenk ist als Freigabe von am Ende des Stabs B–G angesetzt; G–C ist bei biegesteif angeschlossen.
Das System ist statisch bestimmt: Der Einhängeträger G–C ist ein Einfeldträger und gibt kN an ab. Die Steifigkeitsmethode braucht diese Einsicht nicht; die Rechnung läuft genauso wie bei einem unbestimmten System.
Freiheitsgrade
Die Längsverschiebungen sind wie beim Zweifeldträger von der Biegung entkoppelt und bleiben null. Unbekannt sind die Verdrehungen , , , und die Durchbiegung am Gelenk, das kein Auflager hat. Die Verdrehung des Stabendes B–G bei ist keine Unbekannte: Sie ist herauskondensiert.
Beiträge der Stäbe
- A–B, m, ohne Gelenk: , ; Lastglieder kNm bei und kNm bei .
- B–G, m, kondensiert nach Abschnitt 5: , , ; Lastglieder kNm bei und kN bei .
- G–C, m, ohne Gelenk: , , , ; Lastglieder kN und kNm bei , kNm bei .
Gleichungssystem
Mit dem Faktor vor der Matrix werden alle Einträge ganzzahlig:
Der Eintrag bei setzt sich aus von A–B und von B–G zusammen, der Eintrag bei aus von B–G und von G–C. Die Kopplung von an B–G fehlt: Über das Gelenk hinweg wird kein Moment übertragen.
Lösung
Probe durch Einsetzen, erste Zeile: . Die übrigen Zeilen gehen ebenso auf.
Knick im Gelenk
Die Rückrechnungsformel aus Abschnitt 5 gibt für das Ende des Stabs B–G, mit , und :
Der Stab B–G kommt also mit rad am Gelenk an, der Stab G–C beginnt dort mit rad. Der Knick beträgt rad.
Schnittgrößen
Aus für A–B:
und mit der kondensierten Matrix für B–G:
- Stützmoment kNm, von beiden Seiten gleich: am Ende von A–B, am Anfang von B–G.
- Moment im Gelenk , wie verlangt.
- Auflagerkräfte kN, kN und aus dem Einhängeträger kN; zusammen kN m.
- Größte Feldmomente kNm bei m in A–B und in der Mitte von G–C.
Probe mit Tabellenformeln
Die Verschiebungen lassen sich unabhängig prüfen. Feld A–B als Einfeldträger mit Gleichlast und dem Stützmoment kNm bei :
Kragarm B–G, m, eingespannt mit der Verdrehung , mit Gleichlast und der Kraft kN aus dem Einhängeträger:
8. Querkraft- und Normalkraftgelenk
Für die beiden anderen Gelenkarten ändert sich nur, welcher Freiheitsgrad kondensiert wird. Zwei kurze Beispiele, beide in der Beispielliste des Rechners:
Querkraftgelenk
Beidseitig eingespannter Träger, m, Gleichlast kN/m, Querkraft am Stabanfang freigegeben. Wegen läuft die ganze Last zum rechten Auflager, kN, und es ist . Die Verdrehung ist an beiden Enden gehalten, also muss die Summe der Krümmungen null sein:
und am rechten Ende kNm. Die Durchbiegung springt am freigegebenen Ende: Der Träger sackt dort ab, ohne sich zu verdrehen, und zwar um mm; das folgt aus zweimaliger Integration der Krümmung von aus.
Normalkraftgelenk
Waagrechter Träger aus zwei Stäben A–C und C–B zu je m, eingespannt, unverschieblich gelagert, in eine waagrechte Last von kN nach rechts. Ohne Gelenk teilt sich die Last je zur Hälfte auf beide Auflager auf. Gibt der Stab A–C bei die Normalkraft frei, trägt er keine Längskraft mehr: Die ganze Last läuft über C–B, kN (Druck), .
9. So rechnet der Rechner
- Freigaben werden je Stabende gesetzt, im Stab unter „Gelenke“ oder am Knoten unter „Anschlüsse an diesem Knoten“. , und lassen sich frei kombinieren.
- Vor dem Zusammenbau werden Elementmatrix und Lastvektor jedes Stabs mit Freigaben kondensiert, wie in Abschnitt 4 beschrieben, auch für Trapez-, Dreiecks- und Einzellasten auf dem Stab.
- Nach dem Lösen werden die freigegebenen Verschiebungsgrößen zurückgerechnet. Die Stabendkräfte folgen aus der vollständigen, nicht kondensierten Elementgleichung; die Schnittgröße am freigegebenen Ende ergibt sich dabei zu null, was zugleich eine Kontrolle ist. Die Biegelinie zeigt den Knick oder Versatz am Gelenk.
- Unzulässige Kombinationen nach Abschnitt 6 meldet der Rechner vor der Rechnung.
- Hat eine Knotenverdrehung keine Steifigkeit, weil alle angeschlossenen Stabenden ein Momentengelenk haben, hält der Rechner sie für die Rechnung fest und gibt einen Hinweis aus. Greift dort ein Einzelmoment an, bricht er mit einer Meldung ab.
Im Rechner nachvollziehen
Das Zahlenbeispiel steht als Gerberträger in der Beispielliste. Die Momentenlinie zeigt −60 kNm über und null im Gelenk, die Biegelinie den Knick bei . Im Reiter „Verschiebungen“ steht die Durchbiegung von als −6.584 mm. Fachwerk, Normalkraftgelenk und Querkraftgelenk finden sich in derselben Liste.
Gerberträger im Rechner öffnen