← Zum Stabwerk-Rechner

Statische und kinematische Bestimmtheit

Bevor man ein Tragwerk berechnet, fragt man: Steht es überhaupt, und reicht das Gleichgewicht allein, um die Kräfte zu bestimmen? Die Antwort gibt der Grad der statischen Unbestimmtheit. Diese Seite leitet das Abzählkriterium her, zeigt, wie man Gelenke richtig zählt, warum das Kriterium nicht immer genügt, und stellt ihm die kinematische Unbestimmtheit gegenüber, die für die Steifigkeitsmethode maßgebend ist – mit einem durchgerechneten T-Rahmen.

1. Drei Fälle

2. Das Abzählkriterium

Man zählt Unbekannte und Gleichungen. Ein gerader Stab hat drei unabhängige unbekannte Schnittgrößen: Kennt man NN, QQ und MM an einem Ende, folgen sie am anderen Ende aus dem Gleichgewicht am Stab. Jede Auflagerbindung bringt eine unbekannte Reaktion. Dem stehen an jedem Knoten drei Gleichgewichtsbedingungen gegenüber, und jede Freigabe liefert eine zusätzliche Bedingung „Schnittgröße gleich null“. Mit

ist der Grad der statischen Unbestimmtheit

n=3m+r⏟Unbekannte−(3k+c)⏟Gleichungenn = \underbrace{3m + r}_{\text{Unbekannte}} - \underbrace{(3k + c)}_{\text{Gleichungen}}

n<0n < 0: Es fehlen Bindungen, das System ist verschieblich. n=0n = 0: so viele Gleichungen wie Unbekannte, das System ist statisch bestimmt, sofern es nicht verschieblich ist. n>0n > 0: nn-fach statisch unbestimmt, ebenfalls unter diesem Vorbehalt, siehe Abschnitt 6.

Ein Federlager zählt in rr wie ein starres Auflager: Es bringt eine unbekannte Kraft. Das Federgesetz R=−kF uR = -k_F\,u ist, wie die Bedingung u=0u = 0 am starren Lager, eine Aussage über Verformungen und keine Gleichgewichtsbedingung; es geht deshalb nicht in die Zählung ein.

3. Gelenke richtig zählen

Eine Freigabe an einem Stabende setzt dort eine Schnittgröße null (siehe Gelenke und Freiheitsgrade). Für Normalkraft- und Querkraftgelenke zählt jede Freigabe als eine Bedingung. Bei Momentengelenken ist eine Ausnahme zu beachten:

Daraus folgt auch, dass ein Momentengelenk am freien Ende eines Kragarms nichts zählt (j=1j = 1, also j−1=0j - 1 = 0): Dort ist das Moment ohnehin null.

4. Andere Formen des Kriteriums

In Lehrbüchern finden sich weitere Formen, die sich alle aus derselben Bilanz ergeben.

Fachwerke

In einem Fachwerk sind alle Stäbe an beiden Enden gelenkig angeschlossen, und kein Knoten ist gegen Verdrehung gehalten. An einem Knoten mit jij_i Stäben zählen deshalb ji−1j_i - 1 Bedingungen. Weil jeder Stab zwei Enden hat, ist ∑ji=2m\sum j_i = 2m und c=∑(ji−1)=2m−kc = \sum (j_i - 1) = 2m - k. Eingesetzt:

n=3m+r−3k−(2m−k)=m+r−2kn = 3m + r - 3k - (2m - k) = m + r - 2k

Das ist das bekannte Fachwerkkriterium: Stabkräfte und Auflagerreaktionen gegen zwei Gleichgewichtsbedingungen je Knoten.

Scheibenform

Fasst man biegesteif verbundene Stäbe zu starren Scheiben zusammen, zählt man Scheiben statt Stäben. Jede Scheibe muss dafür in sich statisch bestimmt sein, darf also keinen geschlossenen Rahmen enthalten. Mit der Anzahl der Scheiben ss, der Auflagerreaktionen aa und der Verbindungskräfte zwischen den Scheiben zz (ein Momentengelenk zwischen zwei Scheiben überträgt zwei Kräfte):

n=a+z−3sn = a + z - 3s

Für den Gerberträger aus Abschnitt 5, zwei Scheiben mit einem Gelenk: a=4a = 4, z=2z = 2, s=2s = 2, also n=4+2−6=0n = 4 + 2 - 6 = 0. Die Scheibenform ist für die Handrechnung oft kürzer; die Stabform eignet sich für ein Programm, weil sie nur Stäbe, Knoten, Auflager und Freigaben zählt.

5. Beispiele

Systemmmrrkkccnn
Einfeldträger (Fest- und Loslager)13200
Kragträger13200
Zweifeldträger24301
Gerberträger mit einem Gelenk34410
Fachwerk-Dreieck33330
Rahmen, beide Stiele eingespannt36403
Kragträger mit Federlager am Ende14201
T-Rahmen mit Kragarm35402

Beim Fachwerk-Dreieck hat jeder der drei Knoten zwei gelenkige Stabenden, zählt also je eine Bedingung: c=3c = 3. Alle Systeme der Tabelle stehen in der Beispielliste des Rechners, der die Zählung oben im Eigenschaftenfeld anzeigt.

6. Notwendig, aber nicht hinreichend

Das Abzählkriterium sagt nur, ob genügend Bindungen vorhanden sind, nicht, ob sie richtig angeordnet sind. Ein System mit n≥0n \ge 0 kann trotzdem verschieblich sein; man spricht vom Ausnahmefall der Statik. Drei typische Fälle, alle mit n=0n = 0:

Von Hand prüft man die Verschieblichkeit mit dem Polplan: Lässt sich für die Scheiben des Systems ein widerspruchsfreier Polplan finden, ist es verschieblich. In der Steifigkeitsmethode zeigt sich dasselbe ohne Zusatzaufwand: Die Matrix Kff\mathbf K_{ff} ist singulär (siehe Direkte Steifigkeitsmethode, Abschnitt 7).

7. Kinematische Unbestimmtheit

Der Grad der kinematischen Unbestimmtheit ist die Zahl der unbekannten, voneinander unabhängigen Knotenverschiebungen und -verdrehungen. Sie ist die Zahl der Unbekannten im Weggrößenverfahren, so wie nn die Zahl der Unbekannten im Kraftgrößenverfahren ist. Die beiden Größen haben nichts miteinander zu tun:

Wie viele Unbekannte es sind, hängt auch vom Modell ab. Die Steifigkeitsmethode des Rechners berücksichtigt die Längsdehnung und führt alle freien Knotenfreiheitsgrade mit. Rechnet man von Hand dehnstarr, wie beim Drehwinkelverfahren üblich, entfallen die Verschiebungen, die durch undehnbare Stäbe festgelegt sind: Beim Zweifeldträger bleiben die drei Verdrehungen, beim Rahmen mit zwei eingespannten Stielen die zwei Eckverdrehungen und eine gemeinsame waagrechte Verschiebung des Riegels.

Für die Steifigkeitsmethode ist der Grad der statischen Unbestimmtheit ohne Bedeutung: Statisch bestimmte und unbestimmte Systeme laufen über denselben Weg. Das Abzählkriterium ist trotzdem nützlich, als schnelle Kontrolle beim Aufbau eines Modells und als Hinweis, ob Zwang Schnittgrößen erzeugen kann.

8. Zahlenbeispiel: T-Rahmen mit Kragarm

System

Stiel F–K, H=4H = 4 m, bei FF eingespannt. Am Kopf KK biegesteif angeschlossen: nach rechts der Riegel K–B, ℓ2=2\ell_2 = 2 m, zum Festlager BB, nach links ein Kragarm K–L, ℓ1=1\ell_1 = 1 m, mit der Einzellast P=10P = 10 kN nach unten am freien Ende LL. Alle Stäbe mit EI=20 250EI = 20\,250 kNm².

Statische Unbestimmtheit

n=3m+r−3k−c=3⋅3+(3+2)−3⋅4−0=2n = 3m + r - 3k - c = 3 \cdot 3 + (3 + 2) - 3 \cdot 4 - 0 = 2

Mit dem Kraftgrößenverfahren wären zwei Überzählige zu bestimmen, etwa die beiden Kräfte im Festlager BB.

Kinematische Unbestimmtheit

Im Rechner sind die Freiheitsgrade von LL (drei), KK (drei) und die Verdrehung am Festlager BB frei: sieben Unbekannte. Dehnstarr gerechnet kann sich KK nicht verschieben – der Stiel hält ihn senkrecht, der Riegel zum Festlager waagrecht. Der Kragarm ist statisch bestimmt angehängt; seine Last gibt er als Kraft und Moment an KK ab. Übrig bleibt eine einzige Unbekannte, die Verdrehung φK\varphi_K.

Lösung mit einer Unbekannten

Der Kragarm belastet den Knoten mit dem Moment P ℓ1=10P\,\ell_1 = 10 kNm gegen den Uhrzeigersinn. Die Drehsteifigkeiten der beiden anderen Stäbe am Knoten:

Riegel, bei B frei drehbar:3EIℓ2=1,5 EIStiel, bei F eingespannt:4EIH=1,0 EI\begin{aligned} \text{Riegel, bei } B \text{ frei drehbar:} &\quad \frac{3EI}{\ell_2} = 1{,}5\,EI \\ \text{Stiel, bei } F \text{ eingespannt:} &\quad \frac{4EI}{H} = 1{,}0\,EI \end{aligned} φK=102,5 EI=4EI=1,975⋅10−4 rad\varphi_K = \frac{10}{2{,}5\,EI} = \frac{4}{EI} = 1{,}975 \cdot 10^{-4}\ \text{rad}

Das Knotenmoment verteilt sich im Verhältnis der Steifigkeiten: 66 kNm in den Riegel und 44 kNm in den Stiel; zur Einspannung wird die Hälfte übertragen, MF=2M_F = 2 kNm. Daraus die Auflagerkräfte:

Zwei statisch Überzählige, aber nur eine kinematische Unbekannte: Hier ist das Weggrößenverfahren von Hand deutlich kürzer.

Vergleich mit dem Rechner

Der Rechner berücksichtigt die Längsdehnung mit EA=2,7⋅106EA = 2{,}7 \cdot 10^6 kN. Der Knoten KK sinkt dadurch unter der Stielkraft um rund 0,020{,}02 mm, und die Ergebnisse weichen um 2 bis 3 % ab: By=−2,944B_y = -2{,}944 kN, Fy=12,944F_y = 12{,}944 kN, H=1,541H = 1{,}541 kN und MF=2,051M_F = 2{,}051 kNm. Mit sehr großem EAEA liefert er genau die Werte oben.

9. So rechnet der Rechner

Im Rechner nachvollziehen

Der T-Rahmen steht als „T-Rahmen mit Kragarm“ in der Beispielliste. Oben im Eigenschaftenfeld erscheint „n = 3·3 + 5 − 3·4 − 0 = 2“, im Reiter „Auflager“ stehen −2,944 kN bei BB und 12,944 kN und 2,051 kNm bei FF. Wer ein Loslager gegen ein Festlager tauscht oder ein Gelenk einfügt, sieht die Zählung sofort mitgehen.

T-Rahmen im Rechner öffnen

← Alle Themen im Überblick